A L'ARME! Festival Vol. II (2013)

Avantgarde jazz

08 — 10 August


RADIALSYSTEM V


Mit
Anthony Braxton
Elisabeth Harnik
Thurston Moore
Mats Gustafsson
Michiyo Yagi
Ingrid Laubrock
Ignaz Schick Electroacoustic Ensemble
Steamboat Switzerland
Peter Brötzmann
Hamid Drake
FM Einheit
und vielen anderen


Ein Fest für die Improvisation! Das New Yorker Vision Festival beweist seit vielen Jahren eindrucksvoll, dass improvisierte Musik fest in den Kulturkalender einer pulsierenden Welt- Metropole gehöt. Was New York kann, das vermag Berlin schon lange. War das A l’arme! Festival 2012 als einmaliger Vorstoß zur Bestandsaufnahme einer bedrohten Kunstform geplant, legte der unerwartete Erfolg der in dieser Form einzigartigen Veranstaltung den Entschluss nahe, einen zweiten Jahrgang folgen zu lassen. Denn anders als auf vielen anderen Festivals der improvisierten Musik wird das freie Spiel hier weder als Wurmfortsatz des Jazz noch als Spielwiese zwischen den Grundlinien von Jazz und Neuer Musik verstanden, sondern als vielfältige Lebensäußerung, die sich aus Tiegeln von elektronischer Musik, Rock, Noise, Neuer Musik und auch Jazz speist. Improvisation – oft als wehmütige Erinnerung ans analoge Zeitalter missverstanden – präsentiert sich hier von seiner renitenten, widerborstigen, aber auch von seiner charmanten und verführerischen Seite.

Improvisierte Musik hat ihre Geschichte. Dass man ausgerechnet in diesem Genre unablässig Neues erfinden könnte, gehört ins Reich der Legende, die sich in der Wirklichkeit nur allzu selten bestätigt. Aber wozu auch? Wer will sich schon permanent im Neuen aufräufeln? Wir wollen nach vorn schauen und uns trotzdem erinnern dürfen. Brisanz der künstlerischen Äußerung entsteht schließlich im Spannungsfeld von Bestätigung und Herausforderung. Indem es diese beiden Aspekte vereint, hat das A l’arme! Festival seine Antennen präzise aufs alltägliche Leben gerichtet. Künstler, die auf dem Gebiet der spontanen Klangäußerung seit Jahrzehnten Akzente setzen, finden sich in neuen, unerwarteten Aufstellungen zusammen, stellen sich selbst in Frage und gehen voll auf Risiko. Wenn Ex-Sonic Youth-Frontmann Thurston Moore sich mit dem schwedischen Baritonsax-Titanen Mats Gustafsson trifft, prallen Welten aufeinander, verabredet sich das deutsche Free-Urgestein Peter Brötzmann mit dem jungen Chicagoer Vibrafon- Romantiker Jason Adasiewicz, gleicht das einer Kollision von Mars und Venus.

Die zweite Ausgabe des Improv-Alarms ist somit weit mehr als die Ausweitung der Kampfzone des ersten Waffengangs. Es geht nicht nur um die fortlaufende Dokumentation eines Ist-Zustandes, sondern um Brückenschläge über Stilistiken, Kontinente und Generationen hinweg. Woher kommen wir, wohin gehen wir, und wen nehmen wir mit? Die Tradition im Auge, werden neue Wege eingeschlagen. Altmeister Anthony Braxton umgibt sich mit Cracks der neuen amerikanischen Improv-Szene wie Mary Halvorson, Ingrid Laubrock, Taylor Ho Bynum und Liz Allbee; die dänische Saxofon-Amazone Lotte Anker bildet ein spitzwinkliges Dreieck mit dem Chicagoer Cellisten Fred Lonberg-Holm und der New Yorker Elektronik-Pionierin Ikue Mori; Conny Bauer wagt mit Bassist William Parker und Drummer Hamid Drake die Atlantik-Überquerung zu den Protagonisten des Vision Festivals.

Der japanische Saxofonist Akira Sakata, der einst Triumphe im Trio von Yosuke Yamashita feierte, kehrt mit neuem Trio an die Oberfläche zurück, der ehemalige Einstürzende Neubau FM Einheit schüttet seinen Werkzeugkasten über den stahlharten Grundierungen von ZU-Bassist Massimo Pupillo aus, der australische Bassist Clayton Thomas entfacht mit dem neuenglischen Drummer Chris Corsano (ehemals Tour-Drummer von Björk) ein rhythmisches Erdbeben. Steamboat Switzerland schlagen den bewährten Bogen von freier Improvisation zur kraftvollen Progrock-Spontaneität, das international besetzte Ignaz Schick Electroacoustic Ensemble steuert einen Gruß der renommierten Berliner Echtzeitmusik-Szene bei. Wolfgang Heisig spielt Conlon Nancarrow, die belgische Vibrafonistin Els Vandeweyer interpretiert Iannis Xenakis, ihr Landsmann Fred Van Hove frönt mit frischer Inspiration dem Geist der Improv-Geschichte. Und wenn der New Yorker Trompeter Peter Evans, der letztes Jahr seine Solo-Zauberkiste öffnete, mit Johannes Bauer, Paal Nilssen-Love und Bauers Neffen Louis Rastig zum Wirbeln kommt, zeigt letzterer, dass er sich als künstlerischer Leiter des A l’arme! Festivals auch spielerisch nicht aus der Affäre ziehen will.

Der zweite Jahrgang von A l’arme! setzt Maßstäbe für die Zukunft. Das dreitägige Champions League-Finale der freien Improvisation kickt die Bälle über sämtliche musikalische Spielfelder und macht nachhaltig deutlich, dass es sich bei Improvisation um kein Genre, sondern eine Haltung handelt.

Wolf Kampmann, freier Journalist
(Jazz thing, Jazzthetik, Reclams Jazzlexikon)